April /

01

/ 2020

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Jugendliche mit ADHS, Verhältnis zwischen Jugendlichen und Eltern, Elternbild von Jugendlichen mit ADHS

Das Bild der Eltern bei Jugendlichen mit ADHS

Roos, S., Stetinova-Popitz, K.

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Das Jugendalter stellt eine Zeitspanne mit raschen Veränderungen dar. Davon betroffen ist auch die sich änderte Sicht der Jugendlichen auf ihre Eltern. Leider gibt es nur wenige Untersuchungen, die das Verhältnis der Jugendlichen zu ihren Eltern beleuchten. Eine neuere Studie von Roos und Stetina-Popitz (2020) untersucht das Elternbild von Jugendlichen mit ADHS.

In der Studie wurden 2.324 Jugendliche (Alter 15.4 Jahre) bezüglich ihres Elternbildes sowie ihrer Hyperaktivität / Unaufmerksamkeit befragt. Dafür wurden der Elternbildfragebogen für Kinder und Jugendliche (Titze & Lehmkuhl, 2010) sowie Strength and Difficulties Questionaire (Goodman, 1997) eingesetzt. Anhand von drei Untersuchungsgruppen (ADHS unauffällige, ADHS-grenzwertige, ADHS-auffällige Jugendliche) wurde geprüft, ob sich die Gruppen auch in ihrem Elternbild unterscheiden. Im Ergebnis werden deutliche Unterschiede belegt: Jugendliche, die sich selbst als hyperaktiv / unaufmerksam bezeichnen, haben ein abträglicheres Bild von ihrer Mutter bzw. ihrem Vater.

Außerdem steht die ADHS-Symptomatik mit weiteren Selbst- und Elternrepräsentationen in Verbindung, unter anderem mit der sonstigen Selbstwahrnehmung des Jugendlichen und der Wahrnehmung von familiären Ressourcen durch den Jugendlichen (z. B. Hilfen durch die Eltern, Gewährung von Autonomie, familiärer Zusammenhalt) sowie der Schilderung von Risiken im familiären Umgang miteinander (z. B. erhöhte Konflikthaftigkeit, Bestrafungstendenz, wechselseitige Ablehnung, emotionale Vereinnahmung, elterliche Überbehütung). Insofern vermittelt die Elternrepräsentation zwischen der ADHS-typischen Symptomatik und ungünstigen Erziehungsweisen bzw. familiären Umgangsformen. Man kann aber keineswegs von einseitigen Einflüssen ausgehen, sondern muss von einer Wechselbeziehung zwischen den verschiedenen Geschehnissen annehmen.

Kommentar:

Das Ergebnis deckt sich mit anderen Studien, die der Eltern-Kind-Beziehung eine moderierende Wirkung auf das Entstehen von psychischen Störungen zuschreiben. Sehr anschaulich belegt das die Mannheimer Risikostudie zur psychischen Entwicklung von 384 Kindern mit prä- und perinatalen Auffälligkeiten bzw. psychosozialen Risiken (z. B. drohende Fehlgeburt, sehr niedriges Geburtsgewicht, Asphyxie-Ziehen, Krampfanfälle, Sepsis bzw. niedriges Bildungsniveau der Eltern, geringes Bildungsniveau der Eltern, Disharmonie in der Familie, beengte Wohnverhältnisse, mangelnde soziale Integration). Es handelt sich um eine Längsstudie, die sich in den derzeitigen Veröffentlichungen auf die Zeitspanne vom 3. Lebensmonat bis zum 25. Lebensjahr bezieht (Esser & Schmidt, 2017). Im Ergebnis führen die psychosozialen Risiken nicht auf direktem Wege zu externalisierenden Problemen im jungen Erwachsenenalter, sondern über die emotionale Dysregulation, die beim Kind / Jugendlichen entsteht (Zohsel, Hohm, Schmidt, Brandeis, Banaschewski & Laucht, 2017).

Roos, S., & Stetinova-Popitz, K. (2020). Psychische Belastetheit im Bereich Hyperaktivität/Aufmerksamkeitsprobleme und die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung aus der Sicht von Jugendlichen. Lernen und Lernstörungen, 9, 11-23.

Literatur

Esser, G., & Schmidt, M. H. (2017). Die Mannheimer Risikokinderstudie. Kindheit und Entwicklung, 26, 198-202.

Goodman, R. (1997). The Strengths and Difficulties Questionnaire: a research note. Journal of child psychology and psychiatry, 38(5), 581-586.

Titze, K. & Lehmkuhl, U. (2010). Elternbildfragebogen für Kinder und Jugendliche (EBF-KJ). Göttingen: Testverlag Hogrefe.

Zohsel, K., Hohm, E., Schmidt, M. H., Brandeis, D., Banaschewski, T., & Laucht, M. (2017). Langfristige Folgen früher psychosozialer Risiken. Kindheit und Entwicklung, 26 (4), 221-229.