Mai /

27

/ 2020

article

Deprivation in der frühen Kindheit, neuropsychologischen Funktionen,

Folgen schwerer Deprivation in der frühen Kindheit

Golm, D., Sarkar, S, Mackes, N., Fairchild, G., Mehta, M., Rutter, M. & Sonuga-Barke, E.

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Eine Arbeitsgruppe mit Sonuga-Barke untersuchte 70 junge Erwachsene, die in den rumänischen Kinderheimen von Nicolae Ceausescu’s Regime einer schwerwiegenden Deprivation ausgesetzt gewesen waren und später von britischen Familien adoptiert wurden waren, auf ihre neuropsychologischen Funktionen. Ihre Fähigkeiten wurden 20 Jahre später mit 22 Personen verglichen, die ebenfalls adoptiert worden waren und im gleichen Alter waren. Beide Gruppen wurden in Bezug auf ihre Inhibitionskontrolle, ihr Arbeitsgedächtnis und Entscheidungsverhalten sowie ihre Emotionswahrnehmung und ihre kognitiven Fähigkeiten (IQ) untersucht. Außerdem wurde das Vorhandensein von ADHS- und Autismus-Symptomen geprüft.

Im Ergebnis zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen beiden Gruppen von ehemals adoptierten Kindern: Die aus rumänischen Einrichtungen wiesen sowohl einen geringen IQ als auch Beeinträchtigungen in allen anderen neuropsychologischen Funktionsbereichen auf. Diejenigen mit dem schwächsten IQ und Arbeitsgedächtnis legten gehäuft ADHS-typisches Verhalten an den Tag. Es gab jedoch keinen direkten Pfad zwischen den neuropsychologischen Funktionseinschränkungen und der ADHS-Symptomatik, sondern nur einen indirekten über das Arbeitsgedächtnis.

Die Forscher schließen, dass die extreme Deprivation in der frühen Kindheit sowohl die psychische Gesundheit als auch die Hirnreifung beeinträchtigt hat. Die spätere Adoption im Alter von etwa 43 Monaten konnte die eingetretenen Beeinträchtigungen nicht mehr aufheben. Offensichtlich – so die Interpretation – formt die frühe Umwelt das Gehirnwachstum. Die frühe Deprivation in Form von extremer Vernachlässigung, Nahrungsmangel, unzureichender sozialer Ansprache und geringer sozialer sowie kognitiver Anregung wirkt sich nachhaltig und kann durch positive Erfahrungen und eine entwicklungsförderliche Umweltgestaltungen nicht mehr aufgeboben werden. Vielmehr – so die Schlussfolgerung – sind ihre Spuren auch 20 Jahre später noch deutlich zu sehen. Offensichtlich besitzt das Gehirn Grenzen in seiner Fähigkeit zur Regeneration.

Kommentar:
Der neuerliche Befund betont, dass institutionelle Deprivation langandauernde Folgen auf eine Reihe neuropsychologischer Funktionen und auf das Alltagsverhalten hat.

Golm, D., Sarkar, S, Mackes, N., Fairchild, G., Mehta, M., Rutter, M. & Sonuga-Barke, E. (2020). 'The impact of childhood deprivation on adult neuropsychological functioning is associated with ADHD symptom persistence', Psychological Medicine, 2020, https://doi.org/10.1017/S0033291720001294